Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

Rinder

Mit Sodagrain mehr beständige Stärke in die Milchkuhration – eine Alternative zu Körnermais!?

Der Einsatz von wirtschaftseigenem Getreide in der Milchkuhfütterung ist immer wieder Grund für Diskussionen. Neben der Preiswürdigkeit spielt hier zum Einen der Gehalt an im Pansen schnell abbaubarer Stärke und Zucker eine entscheidende Rolle hinsichtlich der täglichen Einsatzmenge, um einer Pansenübersäuerung vorzubeugen. Zum Anderen wird in Milchkuhrationen, in Abhängigkeit von der Milchleistung, ein gewisser Anteil an beständiger, im Pansen nicht abgebauter Stärke, benötigt. Bei Getreide sind nur etwa 10–15 % des Gesamtstärkegehaltes „pansenstabil“. Um dennoch den ernährungsphysiologischen Ansprüchen höher leistender Kühe hinsichtlich ausreichender Versorgung mit Durchflussstärke gerecht zu werden, wird Körnermais in den Rationen eingesetzt, dessen Stärkebeständigkeit bei knapp 42 % liegt. Körnermais ist aber gerade vor der neuen Ernte in der Regel eine teure Futterkomponente. In dieser Phase rückt das „Sodagrain“ wieder in den Fokus. Hierbei handelt es sich um ein Verfahren zur Konservierung von Feuchtgetreide unter Zugabe von Natronlauge. Es wurde Ende der 70er Jahre in Schottland von Prof. Ørskov entwickelt.

Sodagrain kann als Bestandteil von Mischrationen eingesetzt werdenBei der Herstellung von Sodagrain (aus dem Englischen, Soda = Natronlauge; Grain = Getreide) erfolgt ein neben der Konservierung auch ein „Aufschluss“ des Getreides. Das so behandelte Feuchtgetreide hat gegenüber Getreideschrot und Quetschgetreide einen als Ganzes erhaltenen Mehlkörper. Diese Effekte können im Rahmen der Milchkuhfütterung positiv genutzt werden. Auf diese Weise kann ein größerer Anteil an Stärke direkt, also unabgebaut, in den Dünndarm gelangen. In Verbindung mit dem bei der Sodagrain-Herstellung mit Natronlauge entstehenden Natriumbikarbonat kommt es zu einer konstanteren Fermentation im Pansen und damit einhergehenden geringeren pH-Wert-Schwankungen. Die Behandlung selbst führt zu einer leicht verminderten Verdaulichkeit der organischen Substanz, wie Tabelle 1 zeigt.

In den Untersuchungen von Lebzien (1995) an darmfistulierten Kühen wurde auch die Pansen- und Darmverdaulichkeit untersucht. Hier zeigte sich, dass bei der Sodagrain-Variante aus Weizen nur etwa 55 % der Stärke im Pansen fermentiert werden, bei Weizenschrot dagegen 89 %, entsprechend höher war mit 41 gegenüber 10 % der Anteil an darmverfügbarer Stärke der Sodagrain-Gruppe.

Tabelle 1: Mittlerer Abbau von organischer Substanz, Rohfaser und Stärke im Verdauungstrakt

Lebzien et.al. Alert et.al.
Weizenschrot Sodagrain
„Weizen“
Quetschgerste Sodagrain
„Gerste“
n= 5 6 2 2
Organische Substanz
Aufnahme (g/Tag) 12328 11941 16828 16315
Verdaut (% der tägl. Zufuhr)
Gesamt
83 82 71 72
Rohfaser
Aufnahme (g/Tag) 1563 1519 2646 2519
Verdaut (% der tägl. Zufuhr)
Gesamt
72 84 51 54
Stärke
Aufnahme (g/Tag) 5200 5247 4680 4567
Verdaut (% der tägl. Zufuhr)
im Pansen
89 55
im Darm 10 41
Gesamt 99 96

Quelle: LVG Köllitsch, Einsatz von NaOH behandeltem Getreide in der Milchkuhfütterung

Herstellung und Lagerung

Der Umgang mit Ätznatron erfordert ähnliche Schutzmaßnahmen wie beim Umgang mit Säuren, Hautkontakt ist zu vermeiden. Die zur Herstellung von Sodagrain notwendigen Aufwandmengen an Ätznatron belaufen sich für Weizen auf 2,5­3,0 %, für Gerste auf 3,5 und für Hafer auf 4,0 % je dt Getreide. D.h., eine Mischung besteht aus 1000 kg Getreide, je nach Getreide 30-­40 kg Ätznatron und ca. 300 Liter Wasser. Darüber hinaus wird in einigen Betrieben auch die Veredlung von Rapssaat für die Milchkuhfütterung in Form von Soda-Raps betrieben. Hier beträgt die Aufwandmenge 5 % Ätznatron.

Für die Konservierung von erntefeuchtem Getreide muss die Dosierung allerdings höher sein als zum Zwecke des Aufschlusses, nämlich mindestens 3,5–4,0 % Ätznatron in Kombination mit 300 Liter Wasser je t Getreide. Die dabei entstehende Natronlauge hat einen konservierenden Effekt. Bei zu geringen Mengen besteht die Gefahr des Verpilzens im Verlaufe der Lagerung. Zur optimalen Durchmischung von Ätznatron, Wasser und Getreide ist der Einsatz eines wasserdichten Futtermischwagens zu empfehlen. Dazu wird das Getreide im Mischwagen zuerst mit den Ätznatronperlen ca. 5–10 Minuten trocken vermischt. Anschließend wird, je nach Feuchtegehalte des Getreides, Wasser hinzugegeben. Hierbei ist es notwendig, dass das Getreide gleichmäßig an allen Stellen im Mischwagen in ständiger intensiver Bewegung ist.

Um ein homogenes Durchmischen zu gewährleisten, sollte ein Befüllen des Mischwagens mit max. 35 dt Getreide nicht überschritten werden. Die Mischzeit beträgt ca. 30 Minuten, danach kann das fertige Sodagrain auf einem befestigten und sauberen Untergrund (Beton-platte) mit einer Lagerhöhe von max. 0,3 Metern ausgebracht werden. Durch die Zugabe von Ätznatron und Wasser erwärmt sich das Getreide und muss von daher vor der Verfütterung abkühlen und mind. zwei, besser 8–10 Tage lagern. Während dieser Zeit darf das Getreide nicht mit einer Folie abgedeckt werden, da sich das sonst entstehende „Schwitzwasser“ im Lager niederschlägt und in den oberen Schichten zur Schimmelbildung führt. Wichtig ist, dass das Lagergut unbedingt am ersten oder zweiten Tage nochmals bewegt wird, um ein zu starkes Verklumpen zu vermeiden. Das so behandelte Getreide weist einen Trockenmassegehalt (TM) von knapp 70–75 % auf, ist fast schalenlos und hat einen pH-Wert von ca. 11,0.

Sodagrain selbst kann bis zu einem Jahr als Feuchtgetreide konserviert unter Dach ohne Folienabdeckung gelagert werden. Über einen längeren Zeitraum gelagertes Sodagrain trocknet aus, von daher empfiehlt sich in einem solchen Fall ein Anfeuchten vor dem Verfüttern.

Neben einer gründlichen Reinigung des Mischwagens sollten vor und nach der Sodagrainherstellung alle Lager abgeschmiert werden. Je nach Mischwagentyp bleiben nicht unerhebliche Reste in „toten“ Ecken, die aber problemlos mit der folgenden Mischration effektiv verwertet werden können.

Da Ätznatron zu den Verarbeitungshilfsstoffen zählt, ist im Gegensatz zur Konservierung mit Säuren oder Harnstoff kein HACCP-Konzept notwendig.

Nicht für Trockensteher- und Transitfütterung geeignet

Bedingt durch den „seifigen“ Geschmack von Sodagrain ist eine Futtervorlage als Einzelkomponente nicht angebracht. Seine volle Wirkung entwickelt dieses Futtermittel erst in Verbindung mit einer Mischration. Das Einmischen von Sodagrain in Rationen mit sehr sauren Silagen kann hier teilweise einer Pansenübersäuerung durch Neutralisation auf Grund des hohen pH-Wertes entgegenwirken. Dies kann unter Umständen die Futteraufnahme kritischer Mischrationen begünstigen. Auf zusätzliche Puffersubstanzen wie Natriumbicarbonat kann verzichtet werden.

Lebzien (1995) und Alert (1999) konnten in ihren Versuchen zeigen, dass Sodagrain den pH-Wert Abfall vermindert. Die Harnparameter in Tabelle 2 zeigen, dass durch Sodagrain, ebenso wie durch Quetschgerste, im Vergleich zum Einsatz von reinem Gerstenschrot, der azidotischen Stoffwechsellage entgegenwirkt (niedrige NSBA-Werte, hohe P-Ausscheidung) werden kann.

Verfüttert werden können pro Kuh und Tag ca. 4–6 kg Sodagrain, Schroten oder Quetschen der Körner ist nicht notwendig. Allerdings muss bei der Rationsgestaltung darauf geachtet werden, dass in der Gesamtbilanz der Ration das Angebot von löslicher und beständiger Stärke entsprechend der Leistung der Kühe angepasst und der Pansen hinsichtlich der Verfügbarkeit sog. „schnell löslicher“ Energie nicht „aushungert“ wird.

Tabelle 2: Harnparameter

Versuchsfutter vor Versuchsbeginn
Gerstenschrot
Sodagrain-Gerste gequetschte
Gerste
Anzahl Kühe (n) 11 4 4
Parameter
pH-Wert 7,94 8,56 8,46
NSBA mmol/l 61 280 196
Basen mmol/l 153 354 262
Säuren mmol/l 70 68 59
NH4 mmol/l 22 6,2 6,6
Na mmol/l 17 138 95
P mmol/l 1,62 0,25 0,35

Quelle: LVG Köllitsch, Einsatz von NaOH behandeltem Getreide in der Milchkuhfütterung

Zu berücksichtigen ist bei der Rationsgestaltung auch, dass sich der Futterwert des Getreides durch die Sodagrain-Herstellung verdünnt, wie Tabelle 3 zeigt.

Tabelle 3: Futterwert von Getreide, Sodagrain und Körnermais

Futtermittel XP
g
nXP
g
RNB
g
XS
g
bXS
%
bXS
g
Na
g
DCAB
meq
NEL
MJ
Gerste 124 163 -6,3 599 15 90 0,86 -14 8,1
Sodagrain
„Gerste“
119 157 -6,1 576 45 259 22,1 940 7,8
Weizen 138 169 -5,0 663 15 99 0,17 22 8,5
Sodagrain
„Weizen“
132 162 -4,8 637 45 287 22,0 974 8,2
Körnermais 106 168 -9,9 694 42 291 0,26 -37 8,4

(Angaben je kg Trockenmasse)

Weiterhin ist darauf zu achten, dass die Tiere bei Verfütterung von Sodagrain einen höheren Wasserverbrauch haben. Ätznatron enthält knapp 58 % Natrium je kg, so dass je Prozent Einsatzmenge etwa 6 g Natrium eingemischt werden. Die gebrauchsfertige Kraftfuttermischung enthält dann knapp 22 Gramm Natrium je kg TM. Die erhöhte Natriumzufuhr muss mit entsprechenden Tränkwassermengen ausgeglichen und über die Nieren ausgeschieden werden, da sonst die Gefahr von Nierenschäden besteht. Der höhere Gehalt an Natrium in der schlägt sich auch in der deutlich höheren Kationen-/Anionenbilanz (DCAB) von knapp 1000 meq/kg TM nieder. Von daher sollte dieses Futtermittel nicht in Rationen für Trockensteher oder Transitkühe eingesetzt werden, da ansonsten die Gefahr der Milchfiebererkrankung begünstigt wird.

Da das im Getreide enthaltene Vitamin E durch die Behandlung mit Natronlauge vollständig zerstört wird, ist auf eine ausreichende Ausstattung des Mineralfutters für Kühe hinsichtlich Vitamin E zu achten.

Preiswürdigkeit

In der nachfolgenden Kalkulation sind die für die Herstellung von Sodagrain anfallenden Kosten zusammengestellt.

  • Kosten für Schlepper, Mischwagen (9m3) und Arbeitslohn: 60 €/Std.
  • Befüllmenge je Mischung: 35 dt Weizen
  • Mischzeit (mit Befüllen und Austragen): ca. 0,5 Std.
  • Kosten für Ätznatron: 87,50 €/dt incl. Mwst.; Dosierung: 3,5 %
  • Gesamtkosten zur Herstellung von Sodagrain: 3,80–4,00 €/dt

In den Gesamtkosten ist der Aufwand an Wasser, je nach Feuchtegrad des Getreides knapp 250 bis 300 Liter je Tonne Getreide, nicht berücksichtigt.

Fazit

Da Ätznatron futtermittelrechtlich für Rinder nicht zugelassen ist, ist von daher derartig behandeltes Getreide auch nicht verkehrsfähig. Über die Wirtschaftlichkeit des Verfahrens „Sodagrain“ im Vergleich zum bisherigen Vermahlen oder Quetschen oder als Alternative zu Körnermais entscheidet letztendlich die technische Ausstattung des Betriebes hinsichtlich Mischmöglichkeit, Lagerung für eine sichere und hygienische Konservierung und die Futtervorlagetechnik. Und nicht zuletzt der Bezugspreis für das Ätznatron. Für trockenstehende und in der Transitphase stehende Kühe ist Sodagrain auf Grund der hohen Kationen-/Anionenbilanz und der damit verbundenen Milchfiebergefahr nicht zu verfüttern.

 

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