Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen

Presse

Fachleute erarbeiten ein ganzheitliches Konzept für die Schweinehaltung

Tierwohl und Umweltaspekte als maßgebliche Faktoren

Wie sind Haltungssysteme zu gestalten, dass diese den Attributen tierfreundlich, umweltgerecht, klimaschonend und verbraucherorientiert sowie wettbewerbsfähig gerecht werden? Dieser nicht ganz einfachen Aufgabe widmen sich Fachleute der Landesanstalten, Landesämter und Landwirtschaftskammern aus ganz Deutschland seit Herbst 2016, koordiniert durch den Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen.

Wappenkranz der AG der Landesanstalten und Landesämter für Landwirtschaft
Wappenkranz der AG der Landesanstalten und Landesämter für Landwirtschaft

Hauptziel dabei ist, Denkanstöße von Fachleuten aus verschiedenen Disziplinen für eine zukunftsfähige Schweinehaltung in Deutschland zusammen zu bringen und Lösungsansätze zu erarbeiten. Dabei sind diese durchaus als Kompromissvorschläge mit fachlichem Hintergrund für die bestehenden Spannungsfelder in der Nutztierhaltung zu verstehen. In einer eher emotional aufgeladenen Situation sind begründete, nachvollziehbare und belastbare Diskussionsbeiträge für die Auflösung der Spannungsfelder im Tier-, Umwelt- und Verbraucherschutz enorm wichtig.

In den letzten Jahren wurden mehrere Empfehlungen zur Beurteilung und Verbesserung der Tierschutzstandards, darunter auch die Etablierung von freiwilligen Tierschutzlabeln, in verschiedenen Gremien und Arbeitsgruppen veröffentlicht (BMELV 2012; DAFA, 2012; BioÖkonomieRat 2010; FAO 2012; Deutscher Tierschutzbund 2013; Initiative Tierwohl 2013; WBA Gutachten, 2015; BMELV 2017) und sind auch Gegenstand aktueller förderpolitischer Ziele.
Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik fasst dies in seinem Gutachten 2015 wie folgt zusammen: „Die Nutztierhaltung in Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem wirtschaftlich sehr erfolgreichen Sektor entwickelt. Es wurden große Fortschritte in Bezug auf die Ressourceneffizienz erzielt. Gleichzeitig gibt es erhebliche Defizite vor allem im Bereich Tierschutz, aber auch im Umweltschutz. In Kombination mit einer veränderten Einstellung zur Mensch-Tier-Beziehung führte dies zu einer verringerten gesellschaftlichen Akzeptanz der Nutztierhaltung“.

Das BMEL hat sich in seiner Nutztierhaltungsstrategie aktuell für eine zukunftsfähige und stabile deutsche Nutztierhaltung ausgesprochen: „Die Ansprüche zur Veränderung der Tierhaltung, die immer wieder formuliert werden, müssen sich auch der kritischen Bewertung stellen, soweit sie vom Ziel geleitet sind, die Veredelungswirtschaft in Deutschland insgesamt in Frage zu stellen“.

Für die Schweinehaltung bedeutet dies einen ganzen Strauß an Herausforderungen. Meistern lassen sich diese nur mit nachhaltigen Lösungsstrategien und einer Konsensfindung auf der Basis von Kompromissen.

Im Bereich des Tierschutzes fokussiert sich die gesellschaftliche Kritik in erster Linie an unerwünschten Eingriffen bei den Tieren (Kastration, Kupieren des Schwanzes und Zähneschleifen), an Verletzungen des Bewegungsapparates und der Haut, an Verhaltenseinschränkungen (Platzangebot und Strukturierung, fehlender Liegekomfort in den Buchten, Fixierung im Kastenstand) und an Organschädigungen (Lungen- und Herzerkrankungen).

Im Umweltbereich (Naturschutz, Wasserschutz und Klimaschutz) bezieht sich die Kritik auf zu hohe Nährstoffeinträge in den Boden und Gewässer durch Gülleausbringung und der Abluft aus den Tierhaltungsanlagen. Diese enthält Stäube, Bioaerosole, Ammoniak und eine Vielzahl von Geruchsstoffen. Stäube und anhaftende Bioaerosole können zu Atemwegserkrankungen und Allergien führen, Ammoniak trägt nach mikrobiologischer Umsetzung zu Nitrit und Nitrat zur Versauerung von Oberflächengewässern und Böden bei. Gerüche können Belästigungen in der Nachbarschaft von Tierhaltungsanlagen verursachen. Negative Umwelteffekte der Tierhaltung sind ein Problem der unzulänglichen Umsetzung von Emissionsvermeidungsstrategien und zeigen sich vor allem in Regionen mit hoher Viehdichte. Generell wird der mögliche Umfang einer betrieblichen Nutztierhaltung jedoch auch in Regionen mit geringer Viehdichte durch verschiedene rechtliche Rahmenbedingungen begrenzt oder erschwert.

Im Rahmen des Verbraucherschutzes steht neben der Lebensmittelsicherheit vor allem eine deutliche Verringerung des Tierarzneimitteleinsatzes aufgrund der Antibiotika-Resistenzproblematik im Vordergrund.

Insbesondere für die Verbesserung der Haltungssituation und des Tierverhaltens wird sowohl einer Vergrößerung der Buchtenfläche pro Tier als auch dem organischen Beschäftigungsmaterial zentrale Bedeutung zugewiesen. Bereits auf europäischer Ebene werden organische Beschäftigungsmaterialien favorisiert, dem wird in den Vorgaben der nationalen Tierschutznutztierhaltungsverordnung, Rechnung getragen. In der Initiative Tierwohl ist organisches Beschäftigungsmaterial ein Pflichtkriterium, das Angebot von Raufutter, unabhängig von organischem Beschäftigungsmaterial, ein Wahlkriterium. Darüber hinaus werden Einstreumaterialien zur Verbesserung des Liegekomforts gewünscht.

Zur Befriedigung des Wühlbedürfnisses sollte Schweinen langfaseriges, organisches Beschäftigungsmaterial (z.B. Heu, Stroh) zur Verfügung gestellt und regelmäßig erneuert werden, damit es attraktiv bleibt. Bei höheren Einsatzmengen kann sich jedoch eine Schwimmschicht auf der Gülleoberfläche im Güllekanal bilden und den Gülleabfluss behindern bzw. zu Verstopfungen führen. Pelletierte rohfaserreiche Ergänzungsfuttermittel, die getrennt von der Hauptfütterung angeboten werden, haben sich in Versuchen als geeignet erwiesen um diese Probleme aufzulösen. Sie sind schüttfähig, keimfrei und werden von den Schweinen akzeptiert. Im Rahmen von Erprobungen zum Verzicht auf das Schwänze kupieren zeichnet sich ab, dass diese Form der Rohfaserversorgung in der Ferkelaufzucht und Mast eine Verbesserung bringen kann.

In den bereits durchgeführten Workshops haben die Fachleute wichtige zentrale Themenfelder für zukunftsfähige Haltungssysteme behandelt und zu folgenden Kriterien Lösungsvorschläge erarbeitet:

  • Entwicklung von zukunftsfähigen Stallmodellen unter Berücksichtigung von Buchtenstrukturierung, Platzangebot, Liegeflächengestaltung usw.
  • Verfahrenstechnische Lösungen zur Fütterungs-, Entmistungs- und Stallklimatechnik
  • Voraussetzungen für das Einbringen von organischem Material im Rahmen der Fütterung, der Beschäftigung und der Einstreu
  • Beurteilung der Eignung von Futtermitteln bzw. organischem Beschäftigungsmaterialien als Rohfaserträger zur Förderung der Tiergesundheit.

Weiterhin wurden die erarbeiteten Modelle zwischenzeitlich in zwei Untergruppen hinsichtlich veterinärmedizinischer und immissionsschutzrechtlicher Anforderungen bewertet. Eine ökonomische Bewertung der vorgeschlagenen Alternativen wird aufzeigen, welchen Einfluss die Änderung von Haltungsverfahren auf die Wirtschaftlichkeit der Schweinehaltung haben wird. Die Ergebnisse fließen in die Gesamtbeurteilung ein.

Weitere Schritte der Arbeitsgruppe werden sein:

  • Einbeziehung weitere Fachleute, z.B. von Universitäten, AG Tierschutz der Länder, vom Umweltschutz u.a.
  • Beteiligung verschiedener Institutionen, z.B. Tierschutzverbände, kirchliche Vereinigungen, Wirtschaftsverbände, u.a.
  • Identifizierung von Konfliktfelder und Erarbeitung von Kompromisslösungen
  • Schaffung von Transparenz für die Gesellschaftlichen Ansprüche

Die Arbeit der gesamten Gruppe hat sich zunächst auf den Betriebszweig „Mastschweinehaltung“ beschränkt. In diesem Rahmen sollen auch Lösungsansätze für Umbaumaßnahmen angeboten werden. Nach Abschluss dieser Arbeiten wird sich die Gruppe mit Verfahren in der Ferkelaufzucht und der Sauenhaltung befassen.


Hansjörg Schrade 1 und Bernhard Feller 2
1 Bildungs- und Wissenszentrum –Schweinehaltung, Schweinezucht- LSZ Boxberg, Seehöferstraße 50, 97944 Boxberg-Windischbuch
2 Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, Nevinghoff 40, 48147 Münster

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